• Grossvaters Geschichten

    Ziege auf der Alpweide

Das Vermächtnis unserer Ahnen gilt es zu würdigen und zu erhalten

Grossvater Giacomo erzählt:

“Schon als Kind habe ich in den Schulferien meinem Vater bei der Arbeit als Bergbauer geholfen. Die Sommermonate verbrachte ich als Laufbursche und Gehilfe auf der Alp Tomeo. Zu jener Zeit transportierte ich alles was ich zum Leben auf den Alpweiden benötigte stundenlang durch unwegsames Gelände auf dem Rücken. So musste ich auch schwere Holzladungen bis auf 2‘000 Meter bringen, um im Heizkessel unserer Cascina die Milch für den Käse und den “Züfa” (flüssiges Ricotta) aufzukochen. Die Käseproduktion war für uns eine der wenigen Einnahmequellen. Unsere Formaggini aus Ziegenmilch waren auch wichtige Eiweisslieferanten, denn Fleisch gab es nur selten. Das Leben auf der Alp war sehr einfach. Unsere Steinhütte bestand lediglich aus einem grossen Raum. Bei schlechtem Wetter drangen Wasser und Hagel in den Wohn- und Arbeitsraum ein.»

Landschaftsansicht des Lavizzaratals
Landschaftsansicht des Lavizzaratals

«Wir haben auf einfachen Strohlagern geschlafen und assen vor allem Brot und Käse und manchmal Gemüsesuppe mit einer feinen Wurst. Natürlich haben wir auch Kastanien vom letzten Jahr auf die Alp gebracht, damit wir abends am Feuer die herrlichen Marroni rösten konnten. Zu trinken gab es für uns und die Tiere nur Wasser aus dem Brunnen vor der Hütte. Da es auf so grosser Höhe auch im Sommer sehr kalt werden konnte, haben wir abends aus selbst gesammelten Kräutern immer einen feinen Tee gekocht. Die Ziegen waren im Stall nebenan untergebracht.»

«Heute sehe ich zu, wie Arbeiter auf der Alpe di Paràula eine halb zerfallene Berghütte renovieren. Es ist eindrücklich, wie sie beherzt und unermüdlich mit traditionellen Arbeitsmethoden die verlassene Berghütte wiederaufbauen! Moderne Bauten wären günstiger, jedoch um Meilen weniger nachhaltig. Über die Qualität der verwendeten Naturmaterialen waren sich bereits unsere Ahnen bewusst. Wo ein Dach aus Steinplatten 300 Jahre lang eine Cascina trocken hält, vermag ein modernes Ziegeldach nur gerade 50 Jahre seinen Zweck zu erfüllen.»

Landschaftsansicht des Lavizzaratals
Landschaftsansicht des Lavizzaratals

«Es ist unmöglich die Alpen mit modernen Methoden zu bewirtschaften. Die Steilhänge lassen eine extensive Landwirtschaft mit Maschinen nicht zu. Zudem sind die Weiden für Mensch und Tier nur über schmale und unwegsame Pfade zugänglich. Selbst wenn heute einfache, moderne Hilfsmittel die aufwendige Arbeit im Gebirge etwas erleichtern, reicht das Einkommen unserer bescheidenen Schweizer Bergbauern dennoch selten aus, um den Lebensunterhalt zu finanzieren.

Mein Wunsch als echter Lavizzarese ist es, dass in unseren Bergen ein Frühling in das Arbeitsleben zurückkehrt. Die wahren Bedürfnisse der Bergregionen bestehen nach wie vor: ein Gewerbe, Dauerarbeitsplätze, benutzerfreundliche Verbindungen mit dem öffentlichen Verkehr und nicht zuletzt die Pflege unserer Landschaft und der Erhalt unserer Kulturgüter.
Unsere Liebe zur Heimat und zu den Traditionen macht unseren kulturellen Reichtum in der Schweiz aus.”